Der Teppich.

Ich wollte mir für mein Wohnzimmer einen Teppich kaufen. Ich hatte mich schon fast für einen bestimmten Teppich entschieden und die 400 Euro von der Bank geholt, die er kosten sollte. Gekauft hatte ich ihn aber noch nicht.

Da klingelt es am Sonntag an meiner Tür. Ich mache auf, und draußen steht ein Mann in einem langen Burnus und will mir einen Teppich verkaufen. Nun kaufe ich nie etwas an der Tür, und schon gar nichts von irgendwelchen fliegenden Teppichhändlern. Aber der Teppich, den er dabei hat, passt haargenau. Alles stimmt: die Größe, die Farbe, das Muster. Er erklärt mir, der Teppich wäre reine Handarbeit, ein Einzelstück, das Design stammt angeblich von Berberdesignern (oder Designerberbern?). Es ist nicht immer ganz leicht, den Mann zu verstehen, denn obwohl sein Deutsch sehr gut ist, spricht er die halbe Zeit Arabisch. Jedenfalls halte ich es dafür: Sein Ausländisch hört sich so an, wie ich mir Arabisch vorstelle. Und was soll der Teppich kosten, der wirklich genau das ist, was ich immer gesucht habe? 180 Euro. Jetzt ist es mir egal, ob alles stimmt, was er so erzählt: Das ist das Ding allemal wert. Also kaufe ich ihm den Teppich ab, für 180 Euro in bar. Er gibt mir noch einen Zettel, angeblich Gebrauchsanweisung und Garantie. Gebrauchsanweisung für einen Teppich? Egal, der Schrieb ist sowieso in Arabisch (nehme ich an, siehe oben). Den zusammengerollten Teppich legt er mir noch ins Wohnzimmer, dann geht er.

Ich räume die Möbel beiseite, um den Teppich auszurollen. Den Fernsehsessel wegzuschieben ist eine echte Plackerei. Ich breite den Teppich aus und gehe dann erstmal in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Als ich mit dem wieder ins Wohnzimmer komme, ist der Teppich weg.
Wie jetzt? Die Möbel sind zur Seite geräumt, aber wo der Teppich sein sollte, ist nichts – Boden wie vorher. Verliere ich gerade den Verstand? Teppiche verschwinden doch nicht einfach! War die ganze Sache mit dem Teppichkauf nur meine Einbildung? Ich sehe nach – die 180 Euro fehlen wirklich. Also schiebe ich die Möbel wieder an ihre Stelle und lasse mich völlig zerdrückt in den Sessel fallen. Ich legen den Kopf zurück und starre nach oben – und da ist er, der Teppich. Er klebt direkt unter der Decke. Das Ding fliegt!
Was mache ich jetzt? Auf die Leiter und versuchen, ihn runterzuholen. Das klappt aber nicht, meine Kraft reicht nicht.
Jetzt habe ich einen echten fliegenden Teppich, und er hängt unter meiner Decke fest. Wenn er wenigstens dazu nütze wäre, die scheußliche Decke zu kaschieren (jemand hat sie mit Rauhfaser beklebt), aber nein – ich blicke auf seine unansehnliche Unterseite. Und eine Gebrauchsanweisung habe ich zwar, aber die ist in Arabisch. . .

© P. Warmann