Ein alter Bekannter.

Am späteren Abend in der Zeitschriftenhandlung im Bahnhof. Ich stehe am Ständer mit den Taschenbüchern, im Moment bin ich der einzige Kunde. Die beiden älteren Frauen, die regelmäßig die Spätschicht machen, nutzen die flaue Zeit: Die eine sortiert Zeitschriften ein, die andere beschäftigt sich mit irgendwelchen Listen.
Dann ergreift die, die das Einsortieren übernommen hat, das Wort (ich nenne sie ab jetzt A und die andere B).

A: Übrigens, heute Vormittag war ein Mann im Laden, der lässt uns grüßen.
B, in ihre Listen vertieft und ziemlich uninteressiert: Ja?
A: Ja, Irmgard und Carola haben mir erzählt, er hätte nach uns gefragt. Sie haben ihm gesagt, wir hätten die späte Schicht, aber er meinte, so lange könne er nicht bleiben, er müsse weiter. Er lässt uns aber grüßen.
B, immer noch nicht sonderlich interessiert: Ach ja?
A: Ja, er hat erzählt, er kennt uns gut: Er hat hier 22 Jahre in der Gepäckabfertigung gearbeitet und ist jetzt seit fünf Jahren pensioniert.
B, plötzlich sehr aufmerksam: Hat er seinen Namen genannt?
A: Nein.
B: Hast du Irmgard und Carola gefragt, wie er ausgesehen hat?
A: Ja, und das ist komisch: Sie konnten sich beide nicht daran erinnern.

Pause. Dann B, in einem sehr nachdenklichen Tonfall: Das hat er gesagt? 22 Jahre in der Gepäckabfertigung? Und seit fünf Jahren pensioniert?
A: Ja.
B: Du weißt, wer das gewesen sein muss.
A, unglücklich: Ja...
B: Das kann nur Herr Schröter gewesen sein. Aber der ist seit zwei Jahren tot – ich war selbst auf seiner Beerdigung.

Das erklärt natürlich, warum er weiter musste – man fragt sich nur, wohin.Diese Geschichte habe ich übrigens genau so mitgehört, nur die Namen sind frei erfunden.

© P. Warmann