Das Knetphon.

Als Alex mir die Tür öffnete, trug er einen ausgeleierten Pullover, der so grau war wie das Nicht-wirklich-Winter-Wetter, das uns seit Wochen auf die Nerven ging. Besonders munter sah er auch nicht aus.
„Komm rein“, sagte er und klang bemerkenswert lustlos. „Gibt es bei dir irgend etwas Neues?“
„Nö. Und bei dir? Woran arbeitest du gerade?“ wollte ich wissen.
„Ach, hauptsächlich Kleinkram. Nichts besonderes. Aber ein paar Sachen könnte ich dir doch zeigen, mal sehen, was du davon hältst. Komm mal mit in die Werkstatt.“

Ich folgte Alex, betrat seine Werkstatt und stellte fest, dass sie außergewöhnlich ordentlich aussah. Fast nirgendwo lag etwas herum, keine halb fertigen Erfindungen und keine Spur von dem kreativen Chaos, das Alex um sich herum verbreitet, wenn er mit Hochdruck an einer Sache arbeitet.
Ich machte noch einen Schritt weiter in die Werkstatt hinein, da – packte mich etwas, eine unsichtbare Kraft, und zerrte mich quer durch den Raum, bis zur gegenüberliegenden Wand, wo ich gegen die Werkbank krachte. Alex packte mich am Arm und zog mich zur Seite, und der seltsame Zug ließ nach.
„Autsch“, sagte ich und rieb mir die Hüfte. „Was war das denn?“
„Ach, Mist“, sagte Alex, „tut mir leid, bei mir klemmt die Schwerkraft.“ Er zeigte auf einen Schraubenschlüssel, der vor seinem Werkzeugschrank mitten in der Luft hing und sich langsam drehte. „An einigen Stellen funktioniert sie gar nicht, an anderen ist sie extrem verstärkt – in sowas bist du gerade reingelaufen. Das liegt an meinen Experimenten, Materie wie Energie zu verwenden. Offensichtlich beeinflusst das die Schwerkraft und lässt sie klumpen...“
„Oder ausflocken wie sauer gewordenen Milch im Kaffee?“ bemerkte ich sarkastisch. „Vielleicht hat sie ja das Verfallsdatum überschritten.“
Alex starrte mich an. „Ja, natürlich“, sagte er langsam. „Warum habe ich nicht daran gedacht? Natürlich, wenn die Felder, die ich erzeuge, den Austausch der Schwerkraft verhindern, dann erneuert sie sich nicht, sie stagniert und ... könnte das dazu führen, dass sie sich schließlich zersetzt?“ Er ging zum Fenster und sah zum Himmel. „Hatten wir nicht gerade erst Vollmond?“
„Was hat denn der Mond damit zu tun?“ wollte ich wissen.
„Mondphasen und Gezeiten, darauf kommt es an“, erklärte Alex lebhaft. „Du weißt doch, dass der Mond nicht nur Ebbe und Flut in den Meeren erzeugt, er beeinflusst auch die Atmosphäre und die Erde selbst, und er wirbelt durch seine Gezeitenkraft auch zweimal am Tag die Schwerkraft durcheinander. Das sorgt dafür, dass sie sich gründlich vermischt und in Bewegung bleibt und sich nicht in den Senken sammelt und dort Schäden anrichtet. Aber wenn das die Ursache ist, sollte es leicht sein, eine Lösung zu finden...“
„Äh, ja“, unterbrach ich ihn, bevor er sich völlig in seine neue Idee verbeißen konnte. „Wolltest du mir nicht etwas zeigen?“
„Stimmt, ja.“ Er begann in einer Schublade zu kramen. „In letzter Zeit habe ich mich mit Kommunikation im weitesten Sinne beschäftigt. Eine Idee war die Schreitafel.“ Er sah zu mir hoch. „Das ist eine elektronische Tafel, die gesprochene Worte augenblicklich in Text umsetzt, für schnelle Notizen und so. Damit sie aber nicht jedes Hintergrundgemurmel aufnimmt, muss man sie relativ laut ansprechen...“
„Ja, das macht sich bestimmt gut in Bus und Bahn und öffentlichen Bibliotheken“, warf ich ein.
„Stimmt schon. Deshalb habe ich die Entwicklung auch erstmal zurückgestellt“, gab Alex zu. „Aber das hier habe ich fertig entwickelt.“
Er reichte mir etwas, das wie ein gewöhnlicher Faserschreiber aussah, mit einer hellblauen Kappe und einem Schaft in einem seltsamen Gelb, das mich an etwas erinnerte, ich kam nur nicht darauf, woran.
„Probiere ihn mal“, sagte Alex und grinste. „Na los, beiß rein!“
„Äh, danke“, sagte ich, „aber ich mag Himmelblau nicht einmal als Eis, und das Bleistifte essen habe ich mir schon in der dritten Klasse abgewöhnt.“
„Ja, aber das hier ist weder Holz noch Plastik, sondern ein modifizierter Nudelteig“, erklärte Alex fröhlich. „Schreibt mit Lebensmittelfarbe, und wenn er leer ist, kann man ihn unbedenklich in die Suppe werfen...“ – Alex sah meinen mehr als skeptischen Blick – „... oder in die Biotonne. Er ist nämlich vollständig kompostierbar.“
Das klang schon eher nach einer sinnvollen Idee, dachte ich.

„Vor allem aber arbeite ich hieran“, sagte Alex und drückte mir etwas in die Hand. Ich sah es mir an. Es war eines von diesen inzwischen auch nicht mehr wirklich neuen Mobiltelefonen mit Touchscreen, allerdings war dieses nicht ultradünn, sondern wirkte ziemlich klobig. Zudem war es anscheinend aus einem bräunlichen Kunststoff mit Gummibeschichtung. Wenig begeistert sagte ich: „Alex, von diesen Dingern kommen im Moment so etwa vierhundert neue Modelle im Monat auf den Markt. Braucht die Welt wirklich noch eines mehr?“
„Ja, aber dies hier ist ein Knetphon mit einer völlig neuen Flüssigkristall-Anzeige“, sagte Alex und sah mir über die Schulter. „Du erinnerst dich bestimmt, dass ich schon einmal an etwas ähnlichem gearbeitet habe, aber das fand damals kein so wirklich großes Interesse...“
„Also, ich fand die Miniatur-Knetmännchen witzig, die die Buchstaben hochhielten“, warf ich ein.
„Ja, aber die Leute wollen heute doch ein großes buntes Display“, sagte er.
„Ach ja?“ sagte ich und sah skeptisch auf das Ding in meiner Hand, dessen Bildschirm, wenn es denn einer war, nur das gleiche trübe Braun zeigte wie der Rest des Gehäuses.
Alex runzelte die Stirn. „Hm, das heißt, die Anzeige ist noch im Versuchsstadium – die Kristalle laufen manchmal in einer Ecke zusammen. Du musst es ein paar Mal schwenken, damit sie sich verteilen.“
Das tat ich, und plötzlich flossen Farben über den bisher matten Bildschirm, verteilten sich und ergaben das üblich Smartphone-Bild mit quietschbunten App-Bildchen. „Nicht schlecht“, sagte ich. „Sehr schöne klare Farben, und die Schrift ist richtig scharf. Aber was meintest du mit Knetphon?“
„Das ist der Trick dabei“, sagte Alex und nahm mir das Gerät aus der Hand. „Smartphones sind schön handlich, aber der Bildschirm ist oft zu klein, um richtig damit arbeiten zu können. Tablets dagegen haben einen schönen Bildschirm, aber sie sind zu groß, um in die Jackentasche zu passen. Das Knetphon aber lässt sich einfach auf die gewünschte Größe ausrollen.“ Er griff nach einem Nudelholz, von dem ich mich schon gefragt hatte, was es auf der Werkbank machte, und walzte damit das Telefon platt. „Die Idee kam mir übrigens beim Plätzchen backen“, sagte Alex stolz.
„Und damit wird das Nudelholz zum unverzichtbaren Lifestyle-Accessoire, das jeder bei sich haben muss“, bemerkte ich.
„Es geht auch mit einer leeren Flasche“, erklärte Alex unbeirrt. „Oder du drückst es auf irgendeiner ebenen Fläche mit den Händen platt.“
Ich sah auf das ehemalige Telefon, das jetzt die Größe eines DIN-A4-Blattes hatte.
„Das ist etwa die Maximalgröße“, sagte Alex. „Das Bild wird dann etwas dunkler, aber die Kristallflüssigkeit passt sich jedem Format an. Und wenn du kein Tablet mehr brauchst, knetest du es eben wieder zusammen. Versuche es mal!
Ich tat das, und es ging wirklich mühelos. Dann spielte ich noch etwas mit dem Jetzt-wieder-Telefon herum und rief damit schließlich sogar Ulla an. Auch das klappte einwandfrei, aber dann fiel mir etwas auf. Ich hatte nasse Finger.
„Alex, dein Knetphon tropft“, sagte ich.
„Ach, das sind die Flüssigkristalle“, sagte er. „Sie ziehen Wasser aus der Luft, und wenn es zu viel wird, geben sie es wieder ab. Dafür muss ich noch eine Lösung finden.“
„Ich als Konditor würde sagen: Streue Mehl darüber, um die Feuchtigkeit zu binden“, erklärte ich.
„Gute Idee... Soll ich normales oder Vollkornmehl nehmen? Oder vielleicht doch besser pulverisiertes Silikagel?“
Alex begann in einem seiner Schränke zu kramen, und ich wusste, dass dies der richtige Zeitpunkt war mich zu verabschieden. Ich glaube nicht, dass Alex es überhaupt mitbekam, als ich ging.

© P. Warmann