Der Umzug, Teil 1.

Ulla hatte eine neue Wohnung gefunden. Das Problem war nur, dass wir nicht mehr als ein Wochenende hatten, um sie für den Einzug vorzubereiten. Ein Wochenende, um den alten Teppichboden rauszureißen, neuen zu verlegen, die Wände zu streichen, Vorhänge anzubringen und die Möbel zu transportieren? Wir sahen nur eine Lösung: Alex um Hilfe zu bitten.
Wir taten es mit einem gewissen mulmigen Gefühl im Magen. Alex ist ein Genie, ohne Frage. Er ist auch ungeheuer hilfsbereit. Er findet immer eine Lösung, das ist nicht das Problem. Das Problem sind die Nebenwirkungen.
Wie zum Beispiel soll ich meinem Vermieter erklären, dass in meiner Wohnung alle Leitungen durch Alex’ selbst-kriechende vieradrige Kabel ersetzt worden sind? Es ist großartig, ich kann durch simple Klick-Kombinationen, die ich über die Lichtschalter eingebe, sämtliche Geräte in meiner Wohnung fernsteuern und zum Beispiel vom Bad aus die Kaffeemaschine anwerfen oder das Radio leiser stellen, und die Kabel suchen sich selber ihren Weg durch den Putz zum nächsten Anschluss (irgend so ein sechsdimensionaler Trick). Aber was soll ich ihm sagen, wenn er einen Schalter abmontiert und das Kabel davonkriechen sieht?
Und der von Alex erfundene selbsttätig arbeitende Boden-, Wand- und Deckenstaubsauger ordnete in der überarbeiteten Version zwar zum Glück meine Katze nicht mehr als zu entfernenden Fussel ein, ist aber letztlich durch den Briefschlitz entkommen. Er hat es bis zum Spielplatz neben dem Haus geschafft, dort ein halbes Dutzend Kinder gründlich gesaugt und dann den Versuch, einen Husky mittels der Flokati-Klopfsaug-Methode zu reinigen, nicht überlebt. Alex arbeitet übrigens unbeirrt an Version drei.

Wir holten Alex mit Ullas Wagen von zu Hause ab. Er verstaute vier große Kisten im Kofferraum, und wir fuhren los.
„Alex, warum hast du eigentlich keinen eigenen Wagen?“ fragte Ulla.
„Hast du überhaupt einen Führerschein?“ baute ich die Frage aus.
„Natürlich habe ich einen Führerschein. Ich habe meiner Schwester nur versprechen müssen, nicht mehr zu fahren.“
„Warum?“ fragte Ulla verblüfft.
„Ach, du kennst mich doch. Kaum sitze ich in einem Auto, fällt mir auf, wie schlecht durchdacht das alles ist, und fange an es umzubauen. Zum Beispiel diese schreckliche Steuerung: Ein Rad, das mit beiden Händen bedient werden muss, und dann auch noch eine Gangschaltung und kleine Hebel an den verschiedensten Stellen! Es wäre viel einfacher, statt dessen alles über eine Steuerkugel zu machen, die gedreht, gekippt, geknetet und verformt wird, alles mit einer Hand. Dann muss man auch nicht so rückenbelastend sitzen, sondern kann liegen, am besten in einer Hängematte...“
„Und was hat deine Schwester daran gestört?“ wollte ich wissen.
„Ach, naja, ich neige dazu, diese Umbauten vorzunehmen, während ich fahre...“
„Deine Schwester hat Recht“, sagte Ulla entschieden.

Wir kamen in der Wohnung an. Alex ging durch die Räume und besah sich alles.
„Tja“, sagte er, „in zwei Zimmern den Teppichboden rausreißen, den neuen verlegen ... ist der schon zugeschnitten?“
„Ja“, bestätigte ich.
„Gut. Dann noch streichen, und die Fenster brauchen neue Dichtungen ... ich würde sagen, eine knappe Stunde.“
„Was?“ fragten Ulla und ich im Chor. „Alex, das dauert Tage!“ setzte ich hinzu.
„Nein. Zuerst der Teppichboden. Wir machen es schnell und schmerzlos und veraschen ihn mit einem Plasmastrahl.“
Er öffnete eine Kiste und nahm etwas heraus, das entfernte Ähnlichkeit mit einer Panzerfaust hatte.
„Alex, das Plasma hat zwölftausend Grad. Du wirst das Haus abfackeln“, rief ich erschrocken.
„Ach nein, das ist nur eine Frage der Parameter...“
Mich schauderte bei dieser Antwort, aber es war sowieso zu spät: Die Panzerfaust gab eine Art Husten von sich, uns wurde ganz kurz sehr heiß, und dann starrten wir auf die spärliche schwarze Asche, die den unversehrten Fußboden bedeckte.
„Ihr könnt hier schon mal zusammenfegen, ich mache das gleiche inzwischen im Nebenzimmer“, verkündete Alex fröhlich. Ulla und ich sahen uns an und holten Besen und Schrubber.
Als wir die Asche entfernt hatten, kam Alex und stellte einen schweren Kasten in die Mitte des Zimmers.
„Das ist das Explosions-Streichgerät. Ich bin darauf gekommen, als ich damals den Plasma-Grill gebaut habe. Das Prinzip ist ganz simpel: Einfach die Farbe einfüllen, auf den Knopf drücken, bumm, und die Farbe ist an den Wänden.“
„Und überall sonst auch“, warf ich etwas sarkastisch ein.
„Nein, eben nicht. Das ist ja gerade der Trick. Ich muss nur den Raum sorgfältig ausmessen.“ Alex deutete rundum mit einer Art Laserpointer auf die Wände. Wir holten inzwischen die Farbe.
Alex füllte sie ein. „Sollten wir die weiße Grundfarbe und die gelbe Abtönfarbe nicht vorher sorgfältig mischen?“ fragte Ulla.
„Gute Frage“, meinte Alex nachdenklich. „Ich habe meine Versuche immer einfarbig gemacht ... nein, ich glaube, das Mischen wird die Explosion übernehmen.“
Wir gingen hinaus, und Alex zündete die Explosion per Fernsteuerung. Es machte nicht einmal Bumm, eher Plopp. Ulla spähte in den Raum.
„Perfekt gestrichen“, rief sie. „Obwohl ... hm, seht mal.“ Ich sah mir die Wand aus der Nähe an. Sie sah weniger wie gestrichen aus, mehr, als wäre sie mit winzigen Plättchen gepflastert, abwechselnd weiß und gelb.
„Tut mir leid“, sagte Alex geknickt. „Es mischt sich leider doch nicht.“
„Ach was“, wehrte Ulla ab, „ich finde diesen pointilistischen Effekt ganz großartig.“
„Na gut“, sagte Alex. „Ihr könnt den Teppichboden verlegen, ich kümmere mich um die Dichtungen für die Fenster.“
Eine Stunde später war auch das erledigt. „Was haltet ihr von meiner neuen Dichtungsmasse?“ fragte Alex.
Ich ging zum Fenster. „Wenn ich ehrlich bin, sehe ich sie gar nicht.“
„Sollst du auch nicht. Aber wenn du leise bist, kannst du sie hören.“
„Was?“ Ich lauschte. Tatsächlich, da war eine leise Stimme, die ein Gedicht vortrug. Ulla hatte es auch gehört, und wir starrten Alex sprachlos an.
„Tja, das Wort ‘Dichtungsmasse’ brachte mich auf die Idee. Sie enthält zweihundert Gedichte, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden. Funktioniert piezoelektronisch und mit Sonnenenergie, nachts ist also nichts zu hören. Ich kann es rückgängig machen, wenn ihr wollt.“
„Nein, bitte lass es so“, entschied Ulla. „Ich finde es romantisch. Fein, jetzt bringen wir noch die Vorhänge an, dann können morgen die Möbel kommen.“

© P. Warmann