Das Grillfest.

Ulla und ich fuhren zu Alex, um ihn abzuholen, denn seine Schwester hatte uns zu einem Grillabend eingeladen. Alex machte uns auf, in schickem Hemd und gebügelter Hose – sehr ungewohnt.
„Einen Moment“, sagte er, „ich war gerade dabei, die Dichtungen im Bad zu wechseln. Dauert keine Minute.“
Wir folgten ihm und sahen ihm zu, wie er zwei gerahmte handgeschriebene Sonette von Shakespeare abnahm und dafür zwei in Zinnplatten gravierte Gedichte aus Goethes ‘West-östlichem Divan’ aufhängte. Er steckte noch seinen Ultraschall-Schraubenzieher in eine Gürteltasche, dann war er abmarschbereit.
Auf dem Weg zu Ullas Wagen entdeckte ich eine böse aussehende blutunterlaufene Linie an seinem Hals.
„Wo hast du dir denn das geholt?“ fragte ich.
„Ach, ich war gestern bei meiner Schwester, um das Grillfest vorzubereiten, und sie hat mich zur Ernte im Gewächshaus zwangsverpflichtet.“
„Was habt ihr denn geerntet?“
„Würgefeigen.“

Ulla fuhr den Wagen, und Alex lotste sie vom Rücksitz aus. „Liegt ganz schön weit draußen, eure Gärtnerei“, sagte Ulla nach einer Weile.
„Ja, das ist ein ehemaliges militärisches Sperrgebiet“, erklärte Alex. „Weitab von allen bewohnten Häusern. Ist auch ganz gut so, schließlich beschäftigt sich meine Schwester mit experimenteller Pflanzenzucht.“
Ulla wirkte etwas beunruhigt.
Ihre Unruhe legte sich, als wir die Gärtnerei erreichten. Sie sah völlig normal aus, und wir parkten neben den anderen Wagen – offensichtlich waren schon einige Gäste vor uns gekommen. Alex führte uns um Wohnhaus und Nebengebäude und an den Gewächshäusern vorbei zu einer von Bäumen umgebenen Rasenfläche. Lampions hingen in den Bäumen, und am Rande das Rasens brannten Holzscheite in Feuerschalen. Hier hatte sich schon ein knappes Dutzend Gäste versammelt.
Alex’ Schwester kam auf uns zu und begrüßte uns. „Es geht gleich los“, sagte sie. „Sobald die letzten Gäste da sind, wird Alex den Grill zünden.“
Dann schleppte sie Alex zu einem riesigen halbkugelförmigen Gerät, das mitten auf dem Rasen stand. Das musste der Grill sein, aber er war nicht mit Holzkohle gefüllt. Falls Alex die erst jetzt einfüllte und anzündete, dachte ich, würden wir sehr lange auf unsere Steaks warten müssen.
So kam es natürlich nicht. Ein paar Minuten später waren die letzten Gäste da, und Alex rief uns zum Grill. Dort lagen sehr lecker aussehende Fleischstücke auf dem Rost verteilt, aber Glut war nirgends zu sehen. Alex stülpte einen ebenfalls halbkugelförmigen Deckel aus dickem Glas darüber.
„Das ist ein Explosionsgrill“, erklärte er, und einige der Gäste zogen sich unauffällig einige Schritte zurück.
„Wenn ich ihn zünde, wird zuerst eine Sprengladung detonieren, deren Druckwelle das Fleisch wunderbar mürbe macht. Das eigentliche Grillen übernimmt ein Plasmastrahl.“
Er bückte sich und drückte einen Knopf am Grill. „Countdown“, sagte er. „5 - 4 - 3 - 2 - 1 - jetzt!“
Es ertönte ein tiefes Wumm!, das Fleisch auf dem Rost machte einen Satz, dann schoss etwas wie eine weißglühende Wolke aus Düsen am Grillrand.
„Fertig“, sagte Alex und hob den Deckel. Der Rost glühte rötlich, und das Fleisch sah genau richtig gar aus.
Alex’ Schwester verteilte Teller. „Wer Brot möchte, plückt es sich vom Brotfruchtbaum“, rief sie. „Haltet es einen Augenblick über das Feuer, dann lässt sich die äußere Schale leicht aufbrechen.“
„Na, wie schmeckt es euch?“ fragte Alex uns.
„Es schmeckt ausgezeichnet“, antwortete Ulla und nahm noch einen Bissen von ihrem Putensteak. „Aber, Alex, der Sinn des Grillens ist eigentlich, dass man zusammen dem Fleisch zusieht, wie es langsam garer wird, sich unterhält, etwas trinkt und die Vorfreude langsam aufbaut.“
„Oh“, sagte Alex sehr erstaunt, als wäre dieser Gedanke völlig fremd für ihn.

Wir schlenderten zu dritt über die Lichtung. „Was ist das?“ fragte Ulla und ging zu einem niedrigen Zaun aus feinem Maschendraht hinüber, der eine größere Fläche umgab. Sie sah genauer hin. „Ein Mäuse-Freigehege? Das ist lustig.“
Alex grinste. „Genau genommen ist das das Kontrollfeld für die mausgesteuerte Beregnungsanlage. Nachdem die Maussteuerung für die Wäscheschleuder kein Erfolg war – die Leute vergaßen dauernd die Maus zu füttern –, habe ich sie hierfür überarbeitet. Der Untergrund im Gehege entspricht den Bodenverhältnissen in der Gärtnerei, und die Mäuse meiden sowohl zu trockene wie zu feuchte Stellen. Das wird überwacht und damit die Beregnung gesteuert.“
In diesem Augenblick gab es irgendwo hinter uns einen Knall, gefolgt von einem lauten Knattern.
„Was war das?“ rief Alex’ Schwester. „Alex?“
„Ich war das nicht“, antwortete der automatisch. Dann sahen wir, dass eine der Feuerschalen umgestürzt war. Alex’ Schwester eilte dorthin und trat die verstreute Glut aus. Dann stutzte sie und hob etwas auf.
„Habt ihr etwa versucht, die Granatenäpfel zu rösten? Das konnte ja nicht gutgehen. Das Fruchtfleisch ist völlig harmlos, aber die Kerne explodieren, wenn sie heiß werden.“
„Granatenäpfel?“ fragte ich.
„Ja, hier liegt immer noch eine Menge Munition im Boden, da kommt es manchmal zu solchen spontanen Mutationen“, erklärte Alex.
„Was ist das – Pflanzenzucht brutal?“ fragte Ulla. „So wie der Popcorn-Mais, der ihm“ – sie legte den Arm um mich – „den Balkon zerschossen hat?
Übrigens, Alex, was war das für ein Zeug, das du in die Löcher im Rahmen der Balkontür geschmiert hast? Scheint zu helfen.“
„Erinnerst du dich an Stephen Hawkings Theorie der verdunstenden Schwarzen Löcher?“ fragte Alex. „Ich habe einige neue Parameter ausprobiert und bin darauf gekommen, dass das für alle Arten von Löchern gilt. Allerdings muss man einen supermassiven Kern in das Loch einführen, und das geht nur mit Antimaterie. Das war natürlich ein Problem.“
„Kann ich mir vorstellen“, meinte ich. „Die bekommt man schließlich nicht im Supermarkt.“
„Ach, sie zu bekommen war gar nicht so schwierig, dafür habe ich mir ein Taschen-Zyklotron aus den Teilen der kaputten Mikrowelle gebaut. Aber ich musste irgendwie verhindern, dass sie Kontakt mit Materie bekommt, weil die sich dann explosiv gegenseitig vernichten. Das Problem konnte ich erst lösen, als ich den mehrdimensionalen Kleber weiterentwickelt hatte. Er hält sie in einer Dimension fest, die materiefrei ist. Seitdem klappt es.“

Das ist genau die Art Partygespräch, dachte ich, bei der man landet, wenn man mit Alex auf einer Feier ist, und holte mir ein Glas Drebeeren-Bowle, und dann noch eines, und später noch eines, weil ich ja nicht fahren musste. Das hätte ich nicht machen sollen, aber das wurde mir erst am nächsten Morgen richtig klar. Drebeeren erweitern nämlich einen gewöhnlichen Kater noch um umgedrehte Kopfschmerzen.

© P. Warmann