Hurrikansaison.

Urlaub in der Karibik! Wir hatten uns diesmal etwas ganz Besonderes gegönnt, ein exklusives Hotel auf einer der kleineren Inseln, edle hölzerne Bungalows, verteilt zwischen üppigen Pflanzen. An diesem Morgen trat ich auf die Terrasse, wo mich meine Frau schon erwartete und ein Hotelangestellter den Tisch für das Frühstück deckte.
Ich begrüßte meine Frau mit einem Kuss und fragte sie: „Hast du gut geschlafen? Wann bist du gestern Nacht überhaupt zurückgekommen, und wie war die Zeremonie?“
„Zurückgekommen bin ich nach Zwei“, antwortete sie, „und die Zeremonie war interessant, aber anstrengend. Traditionelles Voodoo hat schon etwas, aber ich frage mich, warum sie dafür einen Internationalen Beschwörerschein der Klasse 2a voraussetzen. So bedeutend waren die Rituale eigentlich gar nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Warum müssen diese traditionellen magischen Gemeinschaften eigentlich immer erst zwei Stunden tanzen, bevor sie zur Sache kommen? Und die opfern wirklich für jede Kleinigkeit ein Huhn. Was die wohl mit den ganzen Hühnern machen?“
Der Kellner räusperte sich diskret. „Ich kann Ihnen zum Frühstück das kross gebratene Hühnerfilet empfehlen. Oder möchten Sie lieber den Geflügelsalat mit exotischen Früchten versuchen? Unser Koch hat ihn ganz frisch zubereitet.“
„Oh“, sagte ich und ließ mir etwas von den Filetstreifen auflegen.

„Warst du heute Morgen schon Schnorcheln?“ fragte meine Frau.
„Einmal am Strand lang“, bestätigte ich. „Sehr erfrischend, aber eines ist merkwürdig: Ich habe nicht einen einzigen Hai gesehen.“
„Vielleicht haben sie Angst vor dir“, vermutete sie. „Schließlich hast du einem von ihnen die Flosse abgebissen.“
„Nachdem er dasselbe mit mir gemacht hatte!“
„Ja, aber deine Flosse war aus Gummi.“
„Schon wahr“, gab ich zu, „aber er hätte es wissen müssen.“
Wieder meldete der Kellner sich höflich zu Wort: „Nein, Madame, ich glaube, das Verhalten der Haie hat eine andere Ursache. Sie ziehen sich vom Ufer zurück, weil ein Sturm sich nähert.“
„Oh, wirklich?“ rief meine Frau erfreut. „Ein großer?“
„Ein Hurrikan der Stärke zwei“, erklärte der Kellner mit einem Lächeln. „Sie sehen, wir werben nicht ohne Grund damit, dass unsere Insel hurrikansicher ist: In der richtigen Jahreszeit können Sie alle zehn Tage mit einem größeren Sturm rechnen.“
„Wunderbar!“ sagte ich, ehrlich begeistert.
„Ja, Sir. Die Herrschaften Dämonenfürsten aus Bungalow 2 sind auch schon dabei, ihre Surfausrüstung vorzubereiten. Es werden Wellen bis zu neun Metern Höhe erwartet.
Wir bitten übrigens alle Gäste, sich während der Zeit des Sturms in das Hauptgebäude zu begeben, da die Bungalows nicht absolut sturmfest sind. Außerdem haben Sie von dort aus den besten Blick auf das Meer, und eine kleine Party wird es auch geben: Alle Getränke sind frei.“
„Wir werden gern kommen“, nahm ich die Einladung an.

Er verneigte sich leicht und wollte gehen, dann stutzte er und runzelte die Stirn. „Ich glaube, Sir, auf Ihrer Schulter sitzt eine Spinne. Es scheint sich um eine giftige Art zu handeln. Gestatten Sie, dass ich sie entferne?“
„Bitte nicht!“ rief meine Frau. „Ich übernehme das.“ Sie schnappte sich das kleine Biest mit geübten Fingern und betrachtete es näher. „Tatsächlich, eine Rotgefleckte Springspinne. Nicht tödlich, aber doch ziemlich gefährlich. Einen Moment, ich bin gleich wieder da.“
Sie wollte mit ihrem Fang im Bungalow verschwinden, aber der Kellner wandte ein: „Madame, ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass es sich um eine streng geschützte Art handelt.“
„Ich will ihr ja auch gar nichts tun, ich will ihr nur einen klitzekleinen Tropfen Gift abzapfen“, sagte meine Frau fröhlich. „Für meine Sammlung. Dann setze ich sie im Garten wieder aus.“
„Sie sind Sammlerin? Dann wird es Sie freuen, dass ich heute Morgen auf Ihrer Terrasse einen tödlich giftigen Schwarzen Schreckensskorpion entdeckt habe. Ich hatte ihn verscheucht, aber wenn Sie es wünschen, werde ich ihn das nächste Mal für Sie fangen.“
„Oh, würden Sie das? Das ist sehr freundlich“, sagte meine Frau begeistert und verschwand im Haus.

Wir verbrachten einen geruhsamen Tag im Bungalow, und als am Nachmittag Wind aufkam, Wolken den ganzen Himmel zu bedecken begannen und die ersten Sturmgeister sich kichernd durch die Wipfel der Palmen jagten, begaben wir uns ins Haupthaus.
Dort war tatsächlich schon eine kleine Party im Gange, es wurden bunte Cocktails mit Papierschirmchen darin serviert, und die Gäste verteilten sich vor den Panoramafenstern und sahen auf das Meer, wo sich die Wellen höher und höher türmten.
„Das Haus ist gegen Sturmgeister gut geschützt“, erklärte uns der Hotelangestellte, der uns das Frühstück serviert hatte. „Der Schutz gegen Böen und Sturmreiter wird gerade noch einmal verstärkt.“ Er wies auf einen Mann im Gewand eines Voodoo-Meisters, der gemessenen Schrittes um das Haus zog, wobei er eine schwarze und eine weiße Ziege an der Leine hinter sich her führte.
„Darf ich Sie darauf hinweisen, dass für den späteren Abend, wenn der Sturm abgezogen ist, eine spontane Grillparty geplant ist?“ setzte er dann mit einem Lächeln hinzu.
„Und ich nehme an, dass wir uns auf einen erstklassigen Ziegenbraten freuen können?“ fragte ich leicht ironisch. Er nickte lächelnd, verneigte sich und ging.

Es wurde ein großartiger Sturm. Wir sahen den Dämonen beim Wellenreiten zu, etwas, das ich noch nie gesehen hatte, und ich bin immerhin in einem Haushalt aufgewachsen, wo Dämonen aus- und eingingen. Besonders eindrucksvoll wurde es, als die Dämmerung kam und die Dämonen die Wellen mit ihrem Feuer erleuchteten.
Auf dem Höhepunkt des Sturmes, als eine wahre Regenflut herniederging, kam es dann noch auf der anderen Seite der Bucht zu einem Erdrutsch, der die Ruinen einer alten Zuckerfabrik mitriss. Meine Frau und ich hielten uns umarmt und betrachteten fasziniert, wie die letzten Trümmer zwanzig Meter hinunter in das aufgewühlte Meer stürzten, als mich etwas herumfahren ließ. Jemand pfiff.
„Nein!“ schrie ich und mit mir ein halbes Dutzend anderer Gäste. „Sie können doch bei Sturm nicht pfeifen! Das ist eine Einladung an...“
Rumms! Die Fenstertüren zum Garten sprangen auf, nicht mehr sicher verschlossen, weil das Pfeifen den Abwehrzauber gesprengt hatte. Ein Dutzend Sturmgeister schoss herein, kreischend und kichernd, jagte durch die Halle und sauste hoch unter das Dach. Der hoteleigene Beschwörer erschien mit flatternder Robe, und zusammen mit meiner Frau und ein oder zwei anderen Beschwörern unter den Gästen scheuchte er die Geister wieder hinaus. Die jagten währenddessen zwischen den Gästen umher, zausten ihnen mit nassen Fingern die Haare und schaukelten an den Lampiongirlanden.
Nach einer Viertelstunde war schließlich der letzte Sturmgeist verscheucht, der Hausbeschwörer erneuerte den Zauber und das Personal machte sich daran, das Chaos zu ordnen.
„Du hast nasse Blätter im Haar“, sagte ich zu meiner Frau und entfernte das Grünzeug. Sie meinte: „War das nicht ein wundervoller Tag? Und das schon in der Mitte der ersten Urlaubswoche! Mit etwas Glück erleben wir noch einen zweiten Sturm.“
„Das wäre schön“, sagte ich. „Was meinst du, bleiben wir zu der Grillparty? Ich möchte unbedingt den Ziegenbraten probieren.“

© P. Warmann