Silvester.

Silvesterparty. Ausgerechnet mein Vater hatte spontan beschlossen, diesmal selbst eine Party steigen zu lassen. Und so stand ich hier im Wintergarten hinter meinem Elternhaus, trank ein Glas Bowle und betrachtete die bunte Mischung der Gäste. Von unserer Seite waren es Freundinnen meiner Frau aus ihrem Beschwörerkreis und gemeinsame Bekannte, dazu kamen Freunde der Familie, die meine Mutter eingeladen hatte, und der Rest waren Gäste meines Vaters – ein Dutzend hochrangiger Dämonen aus den tiefsten Kreisen der Hölle. Wobei ich annehme, dass sie für die menschlichen Gäste nur wie cool gestylte, topmodisch gekleidete Typen aussahen, aber ich, als Sohn meines Vaters, sah da und dort gespaltene Zungen, Reißzähne und perfekt manikürte Klauen aufblitzen.
Die Party quoll aus dem Wintergarten über die Terrasse in den Garten, aber trotz Minusgraden fror niemand. Dämonen strahlen immer etwas von der Hitze der Hölle aus (wie sie auch immer leicht nach Schwefel und verbranntem Toast riechen), und das ergab eine insgesamt sehr angenehme Wärme.
Zwischen den Gästen bewegte sich mein Vater, der die Party sichtlich genoss, ein schlanker weißhaariger Mann im schwarzem Rollkragenpullover, den man für einen Literaturkritiker oder einen international anerkannten Theaterschauspieler halten könnte – bis man ihm in die Augen sah. Die meisten Menschen wagen das genau einmal; niedere Tiere wie Insekten oder Fische überleben es meist nicht. Aber was erwartet man von einem Mann, den Der da unten seinen persönlichen Berater nennt? (Ja, genau Der, der allerunterste Chef, Herrscher der Hölle und so weiter.)
Ich genoss die Party. Die Bowle schmeckte, die Musik war gut und laut, und die Bässe krachten.
Während ich langsam in die richtige Partystimmung kam, sah ich etwas, das mir gar nicht gefiel: Eine der Dämoninnen umgarnte einen meiner Bekannten, und das ist wörtlich zu verstehen: Sie spann ihn langsam und genüsslich in ihr Netz ein.
Ich ging zu ihr hinüber und sprach sie an, etwas nervös, denn Spinnenfrauen sind für ihr hitziges Temperament bekannt, aber mein Vater würde mir zur Hilfe kommen, wenn es nötig werden sollte. „Werte Dame“, sagte ich höflich, „möglicherweise liegt hier ein Missverständnis vor. Die menschlichen Gäste sind Freunde von uns und nicht zum Verzehr bestimmt.“
„Oh, wie schade“, flötete sie, ließ aber mit einer Handbewegung das Netz von ihm abfallen und tänzelte davon. Meine Mutter, die die Szene beobachtet hatte, machte diskret die Runde und wies die anderen Dämonenherrscher darauf hin, die menschlichen Gäste in Ruhe zu lassen.
Ein Blick in die Runde zeigte mir, dass alle die Party zu genießen schienen. Nur ein Bekannter wurde gerade von einem Sukkubus in Richtung Gartenpavillon abgeschleppt, aber Sukkuben sind harmlos. Sie stehlen Männern nur den Samen und hinterlassen eine leichte Melancholie und Müdigkeit.
„Oh“, sagte meine Frau erfreut, „wächst sich das hier noch zu einer richtigen Orgie aus?“
„Ach was“, warf ein Dämon verächtlich ein, „das hier ist doch keine Orgie! Diese Welt hat keine anständigen Orgien mehr gesehen, seit unser Freund Nero die dämliche Idee hatte, seine Hauptstadt abzufackeln.“
„Sprichst du von den Römern?“ fragte eine Dämonin, die anscheinend ein Kleid trug, über das eisblaue Muster krochen, und deren Haare sich langsam bewegten, aber das konnte auch eine Sinnestäuschung sein. Meine Frau hatte die Bowle gewürzt, und sie liest regelmäßig die Kolumne ‘Rausch und Vision’ der Zeitschrift ‘Drogen & Gifte’.
„Die Römer waren Bauern, die zu schnell an zu viel Macht kamen“, fuhr die Dämonin fort, „was wussten die schon von wahrer Dekadenz! Meiner Meinung nach gibt es keine echten Orgien mehr seit dem Fall von Babylon.“
„Du könntest Recht haben“, stimmte der Dämonenfürst zu, nahm ihren Arm und schritt mit ihr in den dunklen Garten. „Erinnerst du dich an die Fruchtbarkeitsfeste in Sodom und Gomorrha?“
Ich sah ihnen nach, wurde dann aber abgelenkt von einem kleineren Aufruhr an der Tür zum Wintergarten. Offensichtlich fühlte einer der Nachbarn sich gestört und war herübergekommen, um sich bei meinem Vater zu beschweren. Das tat er jetzt ausgiebig und beklagte sich über die Musik, die Gäste und die Party im allgemeinen.
„Ach, das stört Sie?“ fragte mein Vater mit samtweicher Stimme. „Ich dachte, Sie würden sich viel eher über die Hunde beklagen.“
„Welche Hunde?“ fragte der Nachbar verwirrt. „Von Hunden habe ich noch gar nichts bemerkt.“
„Das können wir ändern“, rief mein Vater und schüttelte kurzerhand ein Rudel Höllenhunde aus dem Ärmel. Geifernd und knurrend stürzten sie sich auf den Mann. Dann hörte man nur noch seine sich entfernenden verzweifelten Schreie und das Kläffen der Hunde.
„War das nicht etwas übertrieben?“ wandte meine Mutter ein.
„Ach was, die wollen nur spielen“, sagte mein Vater wegwerfend.
Was stimmte: Höllenhunde würden ihr Opfer nie zerreißen, dann wäre der Spaß ja vorüber. Am leichtesten wird man sie los, indem man sie einfach ignoriert, dann verlieren sie die Lust und ziehen ab.

An den Rest des Abends erinnere ich mich nicht mehr so wirklich deutlich, was am dritten Glas Bowle gelegen haben mag. Das Feuerwerk war aber außergewöhnlich: Raketen und Feuerblumen und farbige Blitze, wie sie nur ein Beschwörer der höchsten Klasse hervorbringen kann, und ich weiß noch, dass mein Vater eine Art Kanone aufbaute, aus der dann niederrangige Hilfsdämonen kreischend und mit brennenden Schwänzen in den Himmel stiegen, und an das Wummern der Kanone und wie mein Vater rief: „Der Rückstoß geht durch den gesamten Erdkern – das gibt leichte Erdstöße auf Sulawesi.“ Danach ist alles ziemlich verschwommen. Es war wirklich eine bemerkenswerte Party

© P. Warmann