Onkel Nicks.

Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf die Ankunft meiner Nichte – das heißt, meiner Halbnichte, falls es so etwas gibt, denn ihre Mutter ist meine Halbschwester. Sie ist die ältere meiner beiden Schwestern und, ja, es gibt auch noch eine jüngere, aber die ist geheim.
Die ältere, Anne, ist dagegen so etwas wie das weiße Schaf der Familie und mit einem Architekten verheiratet. Sie hat es gerade mal wieder geschafft, sich etwas zu brechen, und liegt jetzt im Krankenhaus. Nichts wirklich schlimmes, aber sie wird drei bis vier Wochen liegen müssen und kann sich nicht um ihre Tochter kümmern. Ihr Mann fällt auch aus, der ist in Berlin und leitet die Umgestaltung des niemals fertiggestellten Hauptstadtflughafens in einen citynahen Erlebnispark mit Flutrückhaltebecken und weitläufiger Begrünung.
Also schickt Anne ihre Tochter zu mir. Es sind Sommerferien, Grit ist 13, und wir haben uns immer gut verstanden.

Während ich auf den Zug warte, spricht mich ein gut gekleideter Betrüger an und versucht mir eine falsche goldene Uhr zu verkaufen. Das erinnert mich an meine Kinderzeit, und um mir die Zeit zu vertreiben, und weil der Zug zehn Minuten Verspätung hat, verkaufe ich ihm statt dessen den Hauptbahnhof. Als der Zug einläuft, geht er gerade freudestrahlend die Treppe hoch, um sich im Hauptbüro die Schlüssel zu holen.
Meine Nichte steigt aus und winkt mir zu. Sie ist klein für ihr Alter, aber wir Nicolaisens sind alle nicht besonders groß und eher schmal gebaut, was bei Frauen ‘zierlich’ heißt und bei Männern normalerweise nicht erwähnt wird.
„Hallo, Onkel Nicks“, sagt sie, und ich nehme ihr die Tasche ab, die für drei Wochen Aufenthalt bemerkenswert klein und leicht ist. Man erkennt die erfahrene Flugreisende.

Beim Wagen angekommen öffne ich ihr die Tür, und sie sagt fröhlich „Ich werfe die Tasche einfach auf den Rücksitz“, und ich antworte „Wenn du das schaffst, bekommst du einen Sonderpreis.“ Sie starrt mich an, und ich erkläre „Der Wagen ist ein Zweisitzer“, nehmen ihr das Gepäck ab und verstaue es da, wo man bei diesem Wagen so etwas gerade so verstauen kann, denn er ist eher nicht für Familieneinkäufe und Reisende mit Traglasten gedacht.
Auf der Fahrt zu meinem Haus frage ich: „Wie ist deine Mutter eigentlich im Krankenhaus gelandet?“
„Oh, sie hat einen Stunt mit dem Skateboard gedreht, und er lief gut, bis auf die Landung. Zuerst dachte sie, es wäre gar nichts, aber dann war es ein Haarriss im Becken.“
„Im Winter ein kaputtes Schlüsselbein beim Ski-Cross, letzten Sommer ein gebrochener Mittelhandknochen beim S-Bahn-Surfen – kannst du mir sagen, was meine Schwester da anstellt?“
Meine Nichte verzieht das Gesicht. „Sag es ihr nicht weiter, aber ich habe den Verdacht, sie möchte sich jeden etwas wichtigeren Knochen gebrochen haben, bevor sie Vierzig wird. Sie liegt ganz gut im Plan.“
„Wieso wolltest du die Ferien eigentlich mit mir verbringen?“ frage ich. „Wieso nicht mit deiner Oma?“
„Naja, Mamas Mutter – eure Mutter – hängt ja irgendwie in Florida fest...“
„Oh ja.“ Ich muss lachen. „Der Internationale Verband der Betrüger, Falschspieler und Quacksalber hat da seine Jahreshauptversammlung, und die Sache verzögert sich. Zuerst haben sie den Kassenwart rausgeschmissen, weil sie ihn dabei erwischt haben, dass er Verbandsgelder hat mitgehen lassen...“
Sie lacht. „Ja, das ist wirklich ein Grund!“
„Nein, vergiss nicht, das ist der Betrügerverband: rausgeschmissen haben sie ihn, weil er so dumm war, sich erwischen zu lassen. Dann mussten sie die Vorstandswahlen wiederholen, weil jemand unter sechs verschiedenen Namen angetreten ist und zweimal gewählt wurde, und dann wurde die Wahl so oft wegen Wahlbetrugs angefochten, dass meine Mutter schließlich einen Antrag durchgebracht hat, jede Form von Manipulation zuzulassen. Das ausgezählte Ergebnis gilt.“
Grit lacht wieder. „Möge der beste Betrüger gewinnen! Das gefällt mir.“
„Und was ist mit deiner anderen Oma?“ frage ich.
„Oma Andrea? Die können wir nicht erreichen, sie ist in einem Sanatorium und macht gerade eine Datenreduktions-Nulldiät. Sie sagt, sie hat über Facebook und Twitter und so eine Riesenmenge Datenspeck angesammelt, aber ich glaube, das ist nur ein Vorwand. In Wirklichkeit macht sie einen Handy-Entzug.“ Sie sieht mich nachdenklich von der Seite an. „Ich habe aber noch einen Grund, warum ich zu dir wollte, Onkel Nicks. Ich überlege mir ernsthaft, nach dem Abitur in deine Branche einzusteigen, und ich dachte, du könntest mir vielleicht ein paar Sachen zeigen...“
„Du denkst an eine Karriere im unorganisierten Verbrechen? Warum nicht?“ Ich muss grinsen. „Ich weiß zwar nicht, was deine Mutter dazu sagen wird, aber ja, ich gebe dir gerne einen Einblick in meine Geschäfte.“
Sie strahlt. „Danke“, sagt sie, und dann nachdenklich: „Was hat du eigentlich gemacht, als du 13 warst? Warst du da schon im Geschäft?“
Ich muss lachen. „Du vergisst, wer meine Mutter ist. Natürlich war ich im Geschäft. Ich habe schon in der Grundschule mit falschen Busfahrscheinen gehandelt, und später mit Fußball-Sammelkarten-Raubdrucken, und als ich 13 war ... lass mich überlegen ... ja, das war das Jahr, als ich die Masche mit den gefälschten Fahrrädern angefangen habe.“
„Gefälschte Fahrräder?“
„Ja, das waren so teure ultraleichte Rennmaschinen, nur dass der Rahmen nicht aus einer Titanlegierung bestand, sondern aus glasfaserverstärktem Nudelteig. Die waren erstaunlich haltbar, nur durfte man sie nicht länger im Regen stehen lassen.“
Sie krümmt sich vor lachen. „Dann hatte man einen Haufen Spaghetti! Oh, Onkel Nicks...“

Wir kommen bei mir zu hause an und werden von Olli begrüßt. Olli ist mein Mann für die direkte Aktion, für die eher grobe Seite des Geschäfts, absolut zuverlässig und der freundlichste Mensch den man sich vorstellen kann. Wenn er nicht gerade jemandem den Arm bricht ... nein, eigentlich auch dann: er würde es sorgfältig und gewissenhaft tun, aber mit einem leichten Bedauern – es ist keine Spur von Bösartigkeit in ihm.
Im Gegensatz zu den Anabolika-Bärchen, die seine Branche sonst bevölkern, sind Ollis Muskeln ohne künstliche Zusätze entstanden, langsam und sorgfältig in Handarbeit aufgebaut. Zusammen mit viel Bewegung an der frischen Luft und einer ausgewogenen, vitaminreichen Ernährung ergibt das einen Körper, der, einmal in Bewegung gesetzt, auch durch eine im Wege stehende Backsteinmauer nur unwesentlich aufgehalten wird.
Jetzt strahlt er und begrüßt meine Nichte herzlich. „Willkommen in Nicks’ Haus! Wenn du irgend etwas brauchst, musst du es nur sagen, ich kümmere mich darum... Möchtest du einen Joint?“
Grit betrachtet skeptisch das Gebilde im Format Olli-XL.
„Oh, das ist nicht der pestizidverseuchte Müll, den sie dir auf der Straße andrehen“, versichert Olli ihr. „Das ist echte Plantagenware, angebaut in kontrolliert ökologischer Landwirtschaft, mit minimalem Düngereinsatz, allerbester Stoff, wirklich.“
Grit sieht ihn an. „Ich glaube dir gerne, dass das ganz tolles Bio-Hasch ist, aber sieh mal, ich bin erst dreizehn.“
„Oh.“ Olli ist verlegen. „Ja, natürlich ... ich bin ein Idiot. Das ist natürlich viel zu jung, um sowas zu rauchen... Aber“, und er strahlt wieder, „das ist kein Problem, meine Mutter macht ganz prima Haschkekse.“
Grit betrachtet ihn wie etwas, das sie bei einem Strandspaziergang aufgesammelt hat, und sagt dann freundlich: „Danke für das Angebot, aber im Moment möchte ich nichts, danke.“
Olli ist damit zufrieden. Ich werfe ihm mein Jackett zu und reiche ihm dann den Schulterhalfter mit der Waffe, und Grit macht große Augen. „Ist das eine echte Pistole?“ fragt sie.
„Ich bin ein erwachsener Mann“, sage ich, „und wie peinlich wäre das wohl, wenn ich mit einer Attrappe herumlaufen würde?“
„Äh, ja“, sagt sie. „Was ich eigentlich meinte: benutzt du sie?“
„Selten. Praktisch nur, wenn auf mich geschossen wird, und das kommt in letzter Zeit nicht mehr so häufig vor. Seit Olli für mich arbeitet, hat das extrem nachgelassen.“
„Kann ich mir vorstellen“, sagt Grit und betrachtet Olli.

Ich übergebe Grit in die treuen Hände meiner Haushälterin. „Franka wird dir dein Zimmer zeigen“, sage ich. „Sieh dich ruhig im Haus um, und im Garten. Und, oh, wenn du etwas findest, das illegal aussieht, fass es nicht an.“
„Warum nicht?“ fragt sie leicht rebellisch.
„Weil dann deine Fingerabdrücke drauf wären“, erkläre ich, und sie meint: „Das ist ein gutes Argument.“

Ich sehe sie erst später am Nachmittag wieder. Wir sitzen auf der Terrasse, Olli, Tilo Schmitz und ich, und reden über Geschäfte, aber nicht ernsthaft. Grit erscheint, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich zu uns. Ich stelle sie den anderen vor, und dann Tilo Schmitz ihr. Er ist mein Mann für die Geldgeschäfte, lotst Summen an der Steuer vorbei, auf offiziell nicht existierende Konten, wäscht Gelder oder lässt sie in einem Labyrinth von Strohmännern und Scheinfirmen verschwinden. Damit kennt er sich aus, denn er war Banker, bevor er sich einen anständigeren Job suchte.
„Wieso hast du in deinem Gartenhaus eine Badewanne?“ fragt Grit.
„Das ist ein Whirlpool“, erkläre ich.
„Oh, cool“, sagt sie und nimmt von Tilo einen fruchtigen Cocktail entgegen, den er für sie gemixt hat – ohne Alkohol. Ich lasse für Grit ein Clubsandwich aus der Küche kommen.

So sitzen wir vier zusammen und reden über nichts besonderes, als plötzlich Franka erscheint. „Sie haben sich nicht zurückhalten lassen...“, stößt sie hervor, atemlos, und wird beiseite geschoben, als ‘sie’ auf die Terrasse treten – drei Männer, von denen ich den einen kenne und die beiden anderen nicht. Das spielt aber auch keine Rolle, denn niemanden interessiert es, wer diese Männer sind, nur was: Begleitschutz. Und zwar erstklassiger.
Dass sie groß und durchtrainiert sind, ist selbstverständlich, dass sie sich links und rechts von dem Mann aufbauen, den sie begleiten, auch, aber interessant ist, was sie nicht tun: Sie werfen uns keine finsteren Blicke zu, und sie lassen auch nicht bedrohlich ihre Muskeln spielen, denn das haben sie nicht nötig. Nein, sie stehen dort, entspannt und lässig, und lassen ihre Blicke schweifen, kühl und ruhig, schätzen uns ab und behalten uns im Auge. Erstklassige Leute, wie gesagt. So gut, dass selbst Olli mit ihnen seine Mühe haben würde. Wobei die Schwierigkeit wäre, überhaupt an sie heranzukommen, denn sie sind mit Sicherheit bewaffnet.
Aber im Augenblick ist das noch kein Problem, denn sie werden erst etwas unternehmen, wenn sie die Anweisung dazu erhalten. Und Anweisungen gibt ihnen nur einer.
Ihn kenne ich. Er ist mir herzlich unsympathisch, von den handgenähten Schuhen über die perfekt frisierten Haare bis zu den viel zu gleichmäßigen Zähnen. Seit Wochen geht er mir auf die Nerven, im Namen einer Organisation, die auf ihren Briefkopf schreibt ‘Die Mafia – Das Original’.
Er ignoriert Tilo Schmitz und Olli, betrachtet aber Grit mit einiger Verwunderung. „Meine Nichte“, stelle ich sie vor. „Sie macht bei mir ein Ferienpraktikum.“
Er beschließt, sie nicht weiter zu beachten, und wendet sich mir zu. „Dies ist Ihre letzte Chance. Haben Sie sich unser Angebot überlegt?“
„Da gibt es nichts zu überlegen“, sage ich ruhig. „Sie kennen meine Antwort.“
„Nun, dann haben Sie sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben. Wenn Sie mit uns kooperiert hätten, hätten wir nach der Neuordnung der Verhältnisse sicher einen angemessenen Posten für Sie gefunden, aber Sie bestehen ja darauf, unvernünftig zu sein. Also werden wir Ihre Organisation ohne Ihre Mithilfe übernehmen, und...“
„Ich habe keine Organisation“, unterbreche ich ihn. „Wir sind das unorganisierte Verbrechen, und wissen Sie auch, warum? Organisationen haben zwei Fehler: Zum einen muss man nur irgendwo einhaken und kann von da aus das ganze System aufräufeln wie einen alten Pullover – Unterlinge, Vorgesetzte, man kann sich durch den ganzen Baum arbeiten und Ast für Ast absägen. Und zweitens kommt es früher oder später dazu, dass alle nur noch dafür arbeiten, die Organisation am laufen zu halten – als wäre sie aus sich heraus etwas gutes und nicht nur ein Mittel, um Ergebnisse zu erhalten.“
Er wischt meine Worte beiseite. „Nun, wir sind eine Organisation, und eine verdammt gute. Niemand stellt sich uns in den Weg. Diese Stadt gehört jetzt uns, und Sie ... werden wir auslöschen.“
Seine Begleiter treten einen Schritt vor, und Olli neben mir spannt sich. Tilo Schmitz wünscht sich augenscheinlich, woanders zu sein, und Grit sieht mich unsicher an. Der Herr Mafioso lächelt dünn, offensichtlich erfreut über die Wirkung. „Ab jetzt liegt Ihre Abwicklung in den Händen der Mitarbeiter von Raskolnikow Inkasso“, erklärt er.
„Raskolnikow Inkasso?“ frage ich und hebe anerkennend eine Augenbraue. „Sie lassen wirklich nur die besten für sich arbeiten.“ Ich wende mich an Grit. „Die Firma Raskolnikow befasst sich nicht nur mit Inkasso, sie sind auch Experten auf den Gebieten brutale Einschüchterung, erzwungene Kooperation und diskrete Beseitigung. Sie haben europaweit einen ausgezeichneten Ruf, und ihre Leute gehören zu den fähigsten...“ – ich sehe ein leichtes Lächeln auf den Lippen eines der Raskolnikow-Mitarbeiter – „... deshalb haben wir die Firma auch aufgekauft – Tilo, wann war das? Anfang 2012?“
„November 2011“, sagt er, und der Mafioso starrt seine Leute an und beginnt zu begreifen, dass sie gar nicht seine Leute sind, und sieht dann auf mich, und dann wieder auf die Raskolnikow-Männer, von denen der eine jetzt stärker lächelt und mir leicht zunickt. Ich lächle zurück. „Sie können jetzt gehen“, sage ich freundlich. „Franka, führst du die Herren bitte hinaus?“
Das tut sie, und der Mafioso, dem plötzlich klar wird, dass er hier ganz alleine steht, versucht unter sein Jackett zu greifen. „Olli“, sage ich, und Olli faltet ihn sachgerecht zusammen.
„Was machen wir jetzt mit ihm?“ fragt Tilo, und ich denke kurz nach und sage dann zu Olli: „Wirf ihn ins Haifischbecken.“ Olli runzelt kurz die Stirn, dann grinst er und sagt: „Geht in Ordnung, Chef“, greift sich den Mafioso und zieht ab.

Den Abend verbringe ich mit Grit in der VIP-Loge des Musical-Theaters, bei einer Show, die größtenteils ich finanziert habe. Es war als ein Gefallen für eine Freundin gedacht, die die Hauptrolle singt, und als Verlustabschreibung für die Steuer, aber völlig unerwartet wurde die Show ein Welterfolg, und sie ein großer Star. Was mich freut, aber es bedeutet auch, dass Tilo noch einen Batzen Geld mehr irgendwo unterbringen muss.
Grit gefällt die Show, aber die Geschehnisse von heute Nachmittag beschäftigen sie offensichtlich noch immer. Irgendwann flüstert sie mir ins Ohr: „Glaubst du, diese Mafia-Typen geben jetzt Ruhe? Oder kommt da noch was?“
„Normalerweise würden die jetzt einen Mord an mir bei der Internationalen Mördergilde in Auftrag geben, aber jeder weiß, dass die keine Aufträge gegen mich annehmen. Ich habe denen einige Male aus der Klemme geholfen, und außerdem“ – ich blinzle Grit zu – „sind wir mit denen sozusagen verwandtschaftlich verbunden.“
Ihre Augen werden groß. „Oh, meinst du Tante Jenny? Jetzt verstehe ich einiges...“

Am nächsten Morgen sitze ich beim Frühstück, als meine Nichte auftaucht. Ihre Haare sind feucht und sie verkündet: „Ich habe den Whirlpool ausprobiert.“
„Und? Wie gefällt er dir?“
„Er ist ganz lustig, aber ich mag mein Badewasser lieber weniger aufgeregt.“
Sie nimmt sich von den frischen Waffeln, und dann kommt Olli hereingeschneit, breit grinsend und mit einer Zeitung in der Hand. „Na, wie findet ihr das?“ fragt er und zeigt auf eine Überschrift. Ich überfliege den Artikel, und dann muss auch ich grinsen, und lese ihn laut vor, für Grit. Offensichtlich sind in der Nacht Unbekannte in das Aquarium des Tierparks eingedrungen, und jemand ist im großen Rundbecken geschwommen, dem mit den drei Meter großen Haien. Die Polizei fand Einbruchsspuren und etwas Blut.
„Blut?“ fragt Grit.
„Ja, nun“, sagt Olli, „ich habe ihm gesagt, er soll nicht so schreien und zappeln, das macht nur die Haie nervös. Sie waren auch nicht böse, glaube ich, nur neugierig. Sie haben nur ein bisschen geknabbert, und ich glaube nicht, dass er mehr als einen oder zwei Zehen verloren hat. Ich habe dann die Tür für ihn offen gelassen, und offensichtlich hat er es ja auch geschafft.“ Er sieht mich an. „Sie sagten Haifischbecken, Chef, und da fiel mir ein, dass wir ja tatsächlich eines haben, hier in der Stadt...“
„Das war eine großartige Idee“, sage ich, und Olli strahlt.
„Dann habt ihr ihn also nicht umgebracht?“ fragt Grit.
„Nein, natürlich nicht“, sage ich. „Olli bringt sowieso niemanden um, aus Prinzip. Und ich neige nicht dazu, solche Dinge auf die Mitarbeiter abzuschieben. Die wirklich haarigen Sachen muss man selbst erledigen.“
Sie starrt mich an. „Du meinst, du machst sowas?“
Ich beruhige sie. „Eher selten, und in den letzten Jahren praktisch gar nicht mehr.“
„Äh...“, sagt Olli, der das offensichtlich nicht ganz so sieht.
„Der Mann in der Kiesgrube war ein Unfall“, sage ich. „Ich habe ihn noch gewarnt, er soll aufpassen, wo er hintritt.“
„Das haben Sie, ja... Und er hätte vorsichtiger sein sollen, so ein Sandrutsch kann immer vorkommen“, gibt Olli zu. „Und der andere Typ ist an seiner Katzenallergie gestorben, im Endeffekt, und das konnten Sie schließlich nicht wissen. Aber ich dachte an den Albaner...“
„Der ist unglücklich in sein eigenes Messer gefallen“, stelle ich klar.
„In sein eigenes Messer, das stimmt“, sagt Olli langsam. „Das war wirklich unglücklich, ja. Und dann auch noch sechs Mal...“
Grit prustet los. „Onkel Nicks, Ferien mit dir sind auf jeden Fall spannender als ein Malkurs in der Toskana!“

© P. Warmann