Notengrippe.

Ich betrat die Musikalienhandlung und suchte im Korb mit den gemischten Klängen nach einem Sortiment, das mir gefiel. Schnell fand ich eine Pentatonische Mischung: ein tiefes B aus einer Posaune, einen am Ende leicht ausgefransten, aber immer noch sehr schönen Flötentriller, zwei sehr edle Harfentöne und lustigerweise ein metallisches Klirren, das wohl von einem herunterfallenden Gegenstand stammte und in eine Klangfalle der Ladeninhaber geraten war. Harmonisch passte es aber wunderbar.
Mit der Tüte ging ich zur Kasse. Ich hatte vor, die Klänge in meinem Wohnzimmer aufzuhängen, ähnlich einem Windspiel. Im Gegensatz zu einem solchen verblassen freie Klänge natürlich innerhalb einiger Wochen, aber ich liebe diese Abwechslung in meinen Klangräumen.
Während ich an der Kasse wartete, sah ich den Hinweis auf dem Tütenetikett: ‘Alle Wildklänge sind sorgfältig geprüft und garantiert erregerfrei’. Ich sprach den Ladeninhaber an, der gerade aus den hinteren Räumen gekommen war: „Haben Sie immer noch Probleme mit den Quarantänevorschriften wegen der Notengrippe?“
„Ach, hören Sie auf“, sagte er genervt, „wir mussten zwischen dem Laden und dem Zugang zu Klangschmiede und Lager sogar eine Schleuse einbauen, damit keine infizierten Wildklänge eindringen können. Können Sie sich vorstellen, was das kostet?“
Er gab den Preis für die Klangsammlung in die Kasse ein. „Aber ich sehe ja ein, dass die Vorschriften sinnvoll sind“, fuhr er fort. „Wussten Sie, dass das Schauspielhaus seinen großen Flügel verloren hat? Infiziert, nicht zu retten und jetzt völlig klangtot. Sie versuchen natürlich, ihn zu reanimieren, aber ob ihnen das gelingt? Ehrlich gesagt, ich bezweifle es.“
Er nahm mein Geld entgegen und gab mir das Wechselgeld heraus. Gedankenverloren wischte er sich einige Feilspäne von der Hose – offensichtlich Rückstände vom Aufpolieren eines gealterten Klavierklanges.
„Immerhin haben wir gut zu tun“, sagte er. „Im Moment bearbeiten wir einen Notfall für den Herrn dort.“ Er zeigte auf einen gut gekleideten Mann mittleren Alters, der auf einem Stuhl saß und wartete.
„Ich bin Cellist“, erklärte dieser, „und ich Trottel habe meinen Notenschlüssel zu Hause vergessen! Heute Abend gebe ich ein Konzert, ich komme hier an – ich wohne in Braunschweig –, und als ich den Cellokasten aufmache, ist nur noch der Bassschlüssel da. Meine Frau fand den Originalschlüssel zu Hause am Notenständer hängend. Was bin ich doch für ein Idiot! Zum Glück sind die Herren hier in der Lage, mir auf die schnelle einen Nachschlüssel zu bauen.“ Er schüttelte den Kopf.
„Und was ist bei Ihnen so los?“ wandte sich der Ladeninhaber an mich. „Irgendeine Spur im Falle der flüchtigen Bücher? Wie ist es überhaupt dazu gekommen?“
„Ach, Sie kennen doch diese Kaufhaus-Buchabteilungen“, sagte ich abfällig. „Kein geschultes Personal, keine Zeit, die Bücher richtig zu beaufsichtigen, also ist schließlich geschehen, was geschehen musste: Ein paar vernachlässigte Bücher wurden so schlampig, dass sie ihren Text vergessen haben. Um das zu vertuschen, haben sie ganze Seiten mit Blabla gefüllt, und irgendwann ist das dann doch jemandem aufgefallen.
Daraufhin sollten die Bücher natürlich aussortiert werden, aber sie haben sich davongemacht – wahrscheinlich mit Hilfe einiger ziemlich hartgesottener Mitbücher, die sich im Untergrund des Modernen Antiquariats durchschlagen. Sie wissen schon: Immer in der Unterschicht der Stapel bleiben und sich unauffällig verhalten, um nicht gekauft zu werden.
Jetzt läuft eine Großfahndung, und alle Buchhandlungen sind aufgefordert, die Augen nach überzähligen oder falsch einsortierten Büchern offen zu halten. Die werden die Flüchtigen bald haben.“
„Dann sollte ich im Moment wohl besser keine herrenlosen Bücher aufnehmen“, meinte der Ladeninhaber.
Ich nickte, und dann verabschiedete ich mich. Ich freute mich schon darauf, die alten Klänge abzuhängen und meiner Schildkröte zu geben – sie hat eine ganz besondere Vorliebe dafür. Vielleicht, so dachte ich, war es für sie ein besonders angenehmes Gefühl, wenn sie leise im Inneren ihres Panzers widerhallten.

© P. Warmann